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29/12/2002: Arbeiten für die Zukunft der Kinder
geschrieben von Thomas
Ein Artikel aus der Weseler Lokalausgabe der NRZ vom 23. Dezember 2002 (für ck-travel.de leicht nachkorrigierte Version).
LEHREN UND LERNEN / Die Armut in den Doerfern der Bergstaemme Jharkhands sind Analphabetismus und Hygiene-Mangel, der Reichtum ist die einzigartige Kultur. HAMMINKELN. Carolin Reintjes, freie Mitarbeiterin der NRZ-Redaktion Wesel aus Mehrhoog, ist Ende Juli auf große Reise gegangen. Erst nach Thailand, Myanmar und Kambodscha, dann nach Indien, um bei der Organisation "Dakshinayan" zu arbeiten. Zu Weihnachten berichtet sie für uns.
"Es ist ein anderes Universum, bei jedem Stamm eine andere Welt" - so hat mir der Gründer der Organisation, Dakshinayan, Siddharth Sanyai, meinen Einsatzort im Bundesland Jhakhand im Osten Indiens beschrieben. Nach fast 22 Stunden im Zug, vier Stunden am Bahnhof in Jasidih, fünf Stunden im Taxi und 30 Minuten bei der Polizei war ich - mitten in der Nacht - in dieser anderen Welt, die für Ausländer eigentlich nicht erlaubt und nicht zugänglich ist. Auf einem kleinen Flecken Erde bei dem Dorf Pahapur hat Dakshinayan eine Art Internat errichtet. Zusammen mit zwei anderen Volontärinnen aus England und Australien sowie sieben Kindern aus den umliegenden Dörfern werde ich mehrere Monate hier verbringen.
Wie man mit Kuhdung reinigt
Am ersten Morgen, der routinemäßig vor Sonnenaufgang um kurz nach fünf Uhr begann, konnte ich mir ein Bild von den Arbeiten machen: Feuerholz für die Küche sammeln, am Brunnen das Geschirr waschen, im Garten für biologische Ordnung sorgen. Bei all den verschiedenen Aufgaben sind die Kinder unsere Lehrer. Sie wissen natürlich viel besser als wir technikverwöhnten Westler, wie man Töpfe mit einer Lehmschicht vor dem Feuer schützt oder Räume mit Kuhdung reinigt.
Ab 11 Uhr aber sind dann wir die Lehrer: In drei Stunden unterrichten wir Englisch, Mathematik, Erdkunde und Geschichte für drei Klassen mit Kindern im Alter von vier bis dreizehn Jahren. Dabei sind mal 30, mal drei oder gar keine Kinder da, denn die Bauernfamilien, die in den fruchtbaren Rajmahat-Bergen leben, nutzen am Ende des Monsuns jeden Regen, um möglichst viel auf dem Feld zu arbeiten, und dabei wird jedes Familienmitglied gebraucht.
Stolz auf die Herkunft sein
Aber genau das ist ein Ziel von uns "Anti-Entwicklungs"-Helfern. Der Begriff Dakshinayan bezeichnet den Eintritt der Sonne in die südliche Hemisphäre und symbolisiert gleichzeitig das Besinnen auf die eigene Tradition. Wir bringen den Kindern kein Englisch bei, damit sie in die nächste Stadt ziehen und sich einen Fernseher kaufen können, sondern wir versuchen eine "Awareness-Generation" zu erziehen, die stolz auf ihre Herkunft ist und die Außenwelt verstehen kann. Die Armut der Stämme Santhal, Kol und Paharia besteht in der hohen Analphabeten-Rate, dem Mangel an sauberem Wasser und medizinischer Versorgung sowie der Degradierung der Umwelt. Ihr Reichtum besteht in der einzigartigen Lebensweise, Kultur und Sprachen und außerdem in den natürlichen Ressourcen wie Kohle und Metalle, die sie aber bisher nicht nutzen konnten, weil sie nicht wussten, wie die Welt hinter den Hügeln funktioniert. Mit den Volontären bringt Dakshinayan die weite Welt zu den Menschen.
Viele Wochen habe ich mittlerweile mit dem Entwicklungsprojekt in Paharpur verbracht. Genug Zeit, um tiefere Einblicke in das Leben der Stammes-Menschen, die Funktionsweise unseres Projektes und die Wirkungsweise anderer Hilfesteller zu gewinnen. Vier Wochen, in denen ich mich völlig an die einfache Lebensweise ohne Strom und fließendes Wasser gewöhnt habe. Vor allem aber waren viele dieser 30 Tage damit ausgefüllt, in der Schule zu unterrichtetn und an der Zukunft der Kinder zu arbeiten.
"Thank you" nach dem Unterricht
"Thank youuuu", rufen die Schüler und Schülerinnen nach jeder Unterrichtsstunde. Ein Dankeschön, das von Herzen kommt, denn sie sind froh, dass es endlich Lehrer für sie gibt. Dass Schulen wichtig sind, dass Bildung der einzige Weg zur Verbesserung der Lebensbedingungen bei den Bergstämmen ist, hatte auch die indische Regierung schon erkannt und in jedem Dorf eine Schule gebaut und Lehrer angestellt - die allerdings nie in den Dörfern erschienen sind.
Bei diesem einen Versuch ist es geblieben. Die Politiker im fernen Delhi scheinen die Region seither vergessen zu haben. Als Monument des Vergessen-Seins gilt ein weiteres Projekt: Eine breite, befestigte Straße voller Verkehrsschilder mitten in den Feldern, ohne Anbindung an eine andere Straße, ohne Verkehr. Sie war ein Projekt der Weltbank, die in den Abbau von Kohle und Metallen in den Rajmahal-Bergen investieren wollte und es sich anders überlegt hat. So beladen spindeldürre Männer noch heute ihre Fahrräder voll mit Kohle und schieben sie in die 40 Kilometer entfernte Stadt Godda. Für einen minimalen Lohn selbstverständlich.
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